Financial Times Deutschland

http://www.ftd.de/lifestyle/outofoffice/:Out-of-Office-Kleiner-Rauschangriff-auf-Schweden/502832.html

von Elmar Jung (Kopenhagen)

Ein Australier will das staatliche Alkoholmonopol in Schweden knacken – und macht sich damit mächtige Feinde: Nach anfänglichem Erfolg bringt ausgerechnet die Post die Pläne für seinen Online-Weinhandel ins Wanken.

Eigentlich kann Mark Majzner nichts dafür. Dass sich sein Job ausgewachsen hat zu einem Kampf gegen das System, zum Aufbegehren gegen einen übermächtigen Staat – im Grunde hat das alles nichts zu tun mit ihm und seiner Berufswahl.

Sein Geld verdient der 42-jährige Australier als Weinimporteur. Der Umsatz seines bescheidenen Onlinehandels “Antipodes Premium Wines” ist kaum der Rede wert, die Zahl der Angestellten pendelt zwischen vier und acht. Majzner kauft Weine aus aller Welt, lagert sie in Deutschland und verkauft sie dann zu höheren Preisen weiter. All das wäre nicht weiter außergewöhnlich – hätte er sich nicht Schweden als Markt ausgesucht. Dort herrscht seit mehr als einem halben Jahrhundert der staatliche Alkoholmonopolist Systembolaget, im Volksmund nur Systemet genannt: das System.

In Schweden darf nur das System Alkohol an Privatkunden verkaufen; vor 1995 war sogar der Großhandel in staatlicher Hand. Bis heute bekommt man in normalen Supermärkten nur Leichtbier, während das System etwa 400 Verkaufsfilialen im ganzen Land unterhält, die pro Jahr mehr als 1,5 Mrd. Euro umsetzen. Erst seit mit dem EU-Beitritt Schwedens das Monopol auf Import und Export sowie beim Onlinehandel gelockert worden ist, kommt der skandinavische Alkoholgigant ins Wanken.

 

Majzner wollte diese Lücke nutzen: Also gründete er im vergangenen Jahr einen Onlineweinclub, der die gut neun Millionen Schweden mit günstigem Rebensaft beliefern sollte. Anfangs lief das Geschäft gut, binnen kurzer Zeit hatte der Club 40.000 Mitglieder. “Die waren alle ganz verrückt nach unseren Weinen”, sagt Majzner. Doch dann traf der Australier eine folgenschwere Vereinbarung mit der Dachgesellschaft der Konsum-Supermärkte in Schweden (KF): Sie sollte ihm erlauben, seine Weine auch auf einer KF-Internetseite anzubieten.

Obwohl niemand mit exorbitanten Verkaufszahlen über diesen Kanal gerechnet hatte, ging Majzner damit offenbar einen Schritt zu weit: Nur drei Tage, bevor die Vereinbarung in Kraft treten sollte, machte KF einen Rückzieher – und erklärte die Zusammenarbeit für beendet. Auch die schwedische Post, die Majzners Weine bereits seit sechs Monaten ausgeliefert hatte, zog sich zurück. “Die haben mir noch nicht einmal eine Begründung dafür gegeben”, sagt Majzner.

Auf Anfrage erklärt KF, man wolle nicht Schwedens Politik des verantwortungsbewussten Trinkens unterwandern. Die Post hingegen hüllt sich in Schweigen.

 

Arbeiterbewegung zieht Strippen

Hinter dem plötzlichen Rückzieher vermutet Majzner die mächtige schwedische Arbeiterbewegung in Form der Sozialdemokratischen Partei: Die hat in den vergangenen 70 Jahren die meisten staatlichen Monopole errichtet und ein Interesse daran, diese auch zu erhalten. Dass der sozialdemokratische Ex-Regierungschef Göran Persson mit Systembolaget-Chefin Anitra Steen verheiratet ist, gibt Majzners Verdacht zusätzliche Nahrung.

“Das schwedische Alkoholmonopol wird von starken Machtstrukturen geschützt”, sagt Maria Rankka von der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Timbro. Tatsächlich ist es nicht etwa so, dass die Schweden sich in der Mehrzahl nach einer liberaleren Alkoholpolitik sehnen würden – den restriktiven Umgang mit Wein, Schnaps und Likör finden die meisten ganz in Ordnung.

Majzner hingegen helfen solche Erklärungen nur wenig. Er fühlt sich missverstanden und würde gerne vor Gericht ziehen, bloß fehlt ihm dazu das Geld. Bis er das beisammen hat, liefert der Post-Konkurrent Bring Express Majzners Wein in Schweden aus. Diese Kurierfirma gehört zur Post des Nachbarlands Norwegen – und damit dem dortigen Staat. Der in der Heimat ebenfalls niemanden am staatlichen Verkaufsmonopol rühren lässt.

 

Aus der FTD vom 21.04.2009
© 2009 Financial Times Deutschland, © Illustration: Mark Majzner

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